ART QUILT AWARD 2017

Unter dem Thema "ZOOM - wenn die visuelle Wahrnehmung sich verändert..." fand am 5.November 2017 im Museum Nordwolle in Delmenhorst die Präsentation des Wettbewerbes ART QUILT AWARD 2017 statt. Viele Besucher und teilnehmende Künstler/innen kamen zur Vernissage und Preisverleihung in die Nadelsetzerei, einen kürzlich neu  geschaffenen Ausstellungraum, der ideale Voraussetzungen für Quilt-Ausstellungen bietet.

 

Wie bereits 2013 und 2015 nahmen auch in diesem Jahr zahlreiche deutsche und internationale Künstler/innen am Wettbewerb teil.

Die hohe Qualität der vorausgegangenen Wettbewerbe und die gute Resonanz der Ausstellungen ließen die Veranstalter mit Zuversicht in die dritte Runde gehen.

Diesmal lautete das Thema "ZOOM".

Den Veranstaltern, dem Museum Nordwolle und der Kuratorin Juliette Eckel war bewusst, dass dieses Thema eine große Herausforderung darstellte. Erwartet wurden Arbeiten, bei denen sich die Künstler intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt hatten.

Als die Jury Anfang September 2017 tagte und die eingereichten Bewerbungen sichtete, konnte sie sich nicht nur über die hohe Qualität der eingereichten Werke, sondern vor allem über die äußerst kreative, variantenreiche Umsetzung des Themas freuen. Besonders hilfreich erwies sich diesmal die Tatsache, dass die Künstler gebeten wurden, ein Bild ihrer Inspirationsquelle einzureichen.. Die Jury wählte aus den Bewerbungen 24 Werke von 22 europäischen Künstler/innen aus.

 

Das Thema: "ZOOM - wenn die visuelle Wahrnehmung sich verändert..."

 

Unser Sehen basiert auf der Aufnahme und Verarbeitung visueller Reize, bei der ein Erkennen von Elementen und deren Interpretation durch Abgleich mit Erinnerungen stattfindet. Über Auge und Gehirn finden eine Auswahl relevanter Informationen und die Zuordnung statt. Bei der Zuordnung findet  dann das eigentliche Erkennen statt: Dabei wird das Objekt  in eine  bestimmte bekannte Kategorie eingeordnet. Ist das  Erkennen von Objekten durch drastische Veränderungen,  wie z.B. Vergrößerung, Verkleinerung, Perspektivwechsel usw. nicht mehr möglich, müssen  Imagination und Phantasie die Zuordnung  des Gesehenen übernehmen.  Oft entstehen durch die Veränderung beim Betrachter Assoziationen, die mit dem Objekt nichts mehr zu tun haben.

 

Wir leben im 21. Jahrhundert in der Mediengesellschaft.  Längst haben im Zeitalter der elektronische Medien Printmedien,  wie z. B. Zeitungen, Zeitschriften, Plakate, Flugblätter, ihre Bedeutung eingebüßt.

Wir werden täglich einer noch nie vorher gekannten oder vorstellbaren Bilderflut ausgesetzt und gleichzeitig manipuliert.  In unserer Zeit spielen Worte eine untergeordnete Rolle und werden durch Bilder oder  Zeichen ersetzt.

In der Wirtschaft liegt der Fokus heute auf dem  "Corporate Branding",  mit dem Ziel, Märkte durch das bloße Erkennen eines Markenzeichens zu erobern. Webagenturen werben mit dem Slogan: Wiedererkennung ist Pflicht!

Wir sprechen hier  von „Visueller Manipulation“, Imagination und Phantasie werden dem einheitlichen Erkennen untergeordnet.

 

Gerade  für Phantasie - Imagination, Vielseitigkeit und das sich Lösen von althergebrachten Bildern, Stilen und Formen haben sich die Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts eingesetzt.

 

Der Beginn der Industrialisierung und die drastische Veränderung der Welt zwangen den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes, die Welt in einem "neuen Licht" zu sehen.

Schriftsteller und Maler lehnten sich auf, beschritten neue Wege, um die neue Welt zu interpretieren.

Die Moderne Kunst ab 1870  bricht mit Bildkonzeptionen der Künstler des frühen 19. Jahrhunderts: Auf Kosten von Perspektive und realistischer Wiedergabe des Motivs sollte das subjektive Erleben dargestellt werden. Die bevorzugten Darstellungsmittel waren radikale Vereinfachungen, Verzerrungen in Form und Proportion, die Verwendung ungebrochener Farbtöne, die in grellen Kontrasten gegeneinander gesetzt wurden.

 

Seither fordert die moderne Kunst den Betrachter immer wieder neu heraus: Bilder wie René Magrittes´"ce n´est pas une pipe", Miros´"Der grüne Mond",

Picassos Frauenporträts oder Baselitz´ „auf dem Kopf“ stehenden Bilder der siebziger Jahre bleiben für den Betrachter erst einmal abgelöst vom persönlichem Inhalt. 

Es bleibt nur noch eine Organisation von Farbe und Form auf der Bildfläche, die nicht mehr interpretierbar sondern lediglich betrachtbar ist. 

 

In dieser Tradition stehen auch die meisten Arbeiten des ART QUILT AWARD 2017. Auffallend war bei den eingereichten Arbeiten, dass thematisch häufig die Natur und der Mensch gewählt wurden. Beim textilen Umsetzen kamen ebenfalls außergewöhnliche Techniken zum Einsatz.

Der Quilt "Double Focus" von Marielle Huijsmans (NL) entstand in der Pojagi- Technik, eine jahrhundertealte koreanische Technik zum Zusammenfügen von Stoffen, die ein wenig an  Kappnähte (Herrenhemden, z.B. Armausschnitt) erinnert. Dabei entstehen geschlossene Nähte, man sieht keine offenen Schnittkannten und  kann die Arbeit von beiden Seiten verwenden. Über Ihre Arbeit schreibt  Marielle Huijsmans :

 

"Mit meinen Augen nehme ich die Welt in mich auf. Durch meine Augen färbe ich die Welt. Hinter meinen Augen entsteht meine Welt. Der Fokus liegt auf meinem Auge, durch die Transparenz kann man in meine Welt hinter meinen Augen blicken."

Erstaunen lösten Arbeiten wie z.B. "Trace"  von Wille Groenewolt (NL) aus. Die Künstlerin berichtet: "Ich folge den Spuren, die die Zeit hinterlassen hat. Spuren in der Landschaft, in Objekten oder in einem Körper. Indem ich diese Spuren zeige, erzähle ich die Geschichte von Menschen und Ereignissen und zeige, was sonst verborgen bleibt oder vergessen wird."

Arbeiten zum Thema Natur und hier insbesondere die Betrachtung von Blumen, wie die Arbeiten  "Cosmos " von Anneliese Jaros  aus Loden, Tüll, Perlgarn  oder  “Auflösung“ von Jochen Hüttemann, bei der Teilansichten  von floralen Strukturen vergrößert und textil interpretiert wurden, zeigen wie vielseitig das Thema umgesetzt werden kann. 

 

Auch der Baum wurde gleich zweimal ins Visier genommen:  Regula Emmenegger (CH) mit "SLOAN – mein Baum" und Susan Heymann (D)

mit "Kirsche in Scheiten" interpretierte jede aus ihrer Sicht einen Holzscheit

und schlugen damit auf spannende Weise textil ein Bogen von der Tradition zur Moderne. Für Ihre Arbeit erhielt Susann Heymann den dritten Preis.

             

Den zweiten Preis erhielt  Suze Termaat  (NL) für den Quilt Boundless , der auf sehr beeindruckende Weise,  durch Vereinfachung, Verzerrungen und die Reduzierung auf Farbe, das Zusammenspiel von Wasser und Mensch wiederspiegelt.

 

Für den ersten Preis wählte die Jury einstimmig "Wisdom" von Maria Stoller  (CH). Mit dieser Arbeit aus diversen wiederverwerteten Papieren, handgefärbten Stoffen, Organza und Acrylfarben auf Organza in Schichten collagiert und maschinengequiltet erklärt uns die Künstlerin, dass "unsere Weisheit vom Leben kommt. Im Laufe unseres Lebens sammeln wir Wissen und Erfahrung, jedoch vor allem Mitgefühl. Dies alles spiegelt sich im Verlauf unserer Existenz wider".

      

Der erste Preis dient, wie auch in der Vergangenheit dem Ankauf der Arbeit durch das Museum NORDWOLLE, die  damit in die Sammlung des Museums aufgenommen wird.

Die Ausstellung wird vom 04. bis 06. Mai bei der Nadelwelt in Karlsruhe zu Gast sein.

 

 

 

 

 

 

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